Wie mich Krisen zum Investor machten

Für manche mag es ironisch klingen, inmitten einer Krise von der nächsten Krisen zu sprechen. Allerdings will ich mit diesem Beitrag nicht die nächsten Krisen heraufbeschwören, sondern eine Art zu denken zeigen, mit der Ihr die nächsten Krisen gut bewältigen könnt. Mich persönlich hat bisher jede Krise reicher gemacht. Dabei spreche ich nicht nur von Geld auf dem Konto, sondern auch von den Erfahrungen. Nach jeder Krise und jedem Markteinbruch bin ich sehr kritisch mit mir umgegangen. Habe ich mich während der Krise unwohl gefühlt? Falls ja, woran lag das? Wurden die Chancen im Markt von mir erkannt? Falls nicht, was hat mich abgehalten zu investieren und wie kann ich es in den nächsten Krisen besser machen?

In diesem Beitrag gehe ich auf einige Krisen ein, die ich als aktiver Anleger erlebt habe und wie ich in der jeweiligen gehandelt habe. Das war wohl bis jetzt mein längstes Vorwort und daher geht es nun los. Viel Spaß beim Lesen!

Die europäische Schuldenkrise

Bereits wenige Monate nachdem ich mit dem Investieren begann, brach in Europa 2011 die europäische Schuldenkrise aus. Ich war damals noch kein langfristiger Anleger. Ich kaufte Aktien denen ich innerhalb weniger Monate ein Kursgewinn von 20 – 30 % zutraute. Wurde meine vorher gesteckte Gewinnerwartung erreicht, verkaufte ich immer die gesamte Position. Viel gehandelte Titel von mir waren damals Sky Deutschland und die Infineon-Aktie. Beide Titel hatten immer wieder hohe Ausschläge nach oben und unten. Dadurch passten sie perfekt in meine “Strategie”.

Durch den Ausbruch der Schuldenkrise tauchten noch andere Titel mit einer sehr hohen Volatilität auf meinem Schirm auf. Es waren die europäischen Banken. Besonders die Commerzbank hatte es mir angetan. Die Aktie schwankte damals sehr heftig zwischen 1 – 2 €. Heute steht sie zwar bei über 3 €, aber sie wäre trotzdem kein gutes Investment gewesen. Denn dieses vermeintliche Kursplus konnte nur durch einen Re-Splitt erreicht werden. Dabei werden mehrere Aktien zu einer “verschmolzen”. Wer also in der Krise 10 Aktien für 80 Cent das Stück besaß, der hatte danach eine Aktie für 8 €. Grund für den Re-Splitt war, dass eine Kapitalerhöhung nur durchgeführt werden darf, wenn der Wert der Aktie bei über 1 € liegt. Also liegt der Wert der Commerzbank heute nicht bei 3 €, sondern bei 30 Cent.

Was habe ich in der Eurokrise falsch gemacht?

Ich hatte schon damals ein sehr gutes Moneymanagement und nie zu viel Geld in eine Position investiert. Allerdings habe ich mich null mit den fundamentalen Daten meiner Unternehmen beschäftigt. Viel mehr habe ich ausschließlich verschiedene Volatilitätskennzahlen gehandelt. Anfangs habe ich damit auch mit der Commerzbank gute Gewinne eingefahren. Wenn ich allerdings aus heutiger Sicht auf die Gewinne schaue, dann stellt man fest, dass diese nur durch Käufe von Spekulanten oder Idioten möglich waren. Fundamental betrachtet war die Commerzbank damals klinisch tot und konnte nur durch Staatshilfen und Kapitalerhöhungen am Leben erhalten werden.

Durch das fehlende Fundamentalwissen habe ich mich, obwohl ich die Aktie einige Male mit 30 % Gewinn verkauft habe, sehr unwohl gefühlt. Mit dem nötigen Wissen hätte man damals aus meiner Sicht auch nicht durch den Euroanleihen-Dschungel gefunden. Viel zu unübersichtlich war die Nachrichtenlage und die Informationsdichte, welche Bank was für Staatsanleihen hält. Allerdings hätte gerade diese Nicht-Bewertbarkeit, dazu geführt, dass ich heute nicht mehr investieren würde.

Ich war nach dieser Krise immer noch als Trader an den Kapitalmärkten unterwegs. Allerdings nahm ich ab diesem Zeitpunkt immer zusätzlich Fundamentaldaten bei der Aktienauswahl hinzu.

Die Krimkrise – Russland lässt die Muskeln spielen

Im Zeitraum zwischen Februar und März 2014 annektierte Russland die Krimhalbinsel. Dieser Satz stammt von der Nato und ist sicherlich eine der politisch freundlichst ausgedrückten Umschreibungen für “Russland führte Krieg und nahm ein”. Auch damals stürzten die Börsen ab. Es hagelte Sanktionen gegen Russland und viele russische Unternehmen. Unternehmen, die eine hohe Abhängigkeit in Russland hatten, gaben der Reihe nach Gewinnwarnungen heraus. Auch damals war ich noch als Trader unterwegs.

Auch damals stürzten in den ersten Wochen alle europäischen Unternehmen mehr oder weniger ab. Egal ob sie stark oder weniger stark betroffen waren. Ich tätigte daher eine Reihe von Investitionen und teilte diese in zwei Kategorien. Kategorie 1: der Trade hängt direkt mit der Krise zusammen und der Erfolg ist davon abhängig, dass die Krise einen guten Ausgang nimmt. Kategorie 2: Unternehmen, welche auch gefallen waren, aber deren Umsatz und Gewinn kaum oder gar nicht von Russland abhängig waren.

Um das Risiko meiner Kategorie-1-Käufe zu verringern, kaufte ich damals nur kurz laufende Anleihen. Diese Anleihen konnte man damals mit einem Abschlag von 15-30 % am Kapitalmarkt erwerben. Der Vorteil daran ist, dass man “nur” das Insolvenzrisiko gegen sich hat. Ein konkretes Beispiel waren damals größere Raiffeisenbanken. Diese machen viele Geschäfte in Osteuropa und waren daher stark betroffen. In der Krise konnte man diese mit 20 % Abschlag erwerben – bei einer Restlaufzeit von 4 Jahren. Frei nach Warren Buffet (auch wenn ich damals noch kein Fan von ihm war) kaufte ich also etwas was 1.000 € wert war für 800 €. Mein Trade hatte also eine maximale Laufzeit von 4 Jahren. In dieser Zeit erhielt ich 4 % Zinsen pro Jahr. Im Gegensatz zu Aktien steigen Anleihen wesentlich schneller auf ihren ursprünglichen Wert. Wenn klar wird, dass das Unternehmen die Anleihelaufzeit überleben wird, ist dies meist der Fall.

Bei Kategorie 2 kaufte ich direkt Aktien. Im Gegensatz zu Anleihen ist der mögliche Gewinn bei Aktien unbegrenzt. Da diese Unternehmen aber kaum Abhängigkeit hatten, ging ich hier gerne dieses Risiko ein.

Was machte ich in der Krimkrise falsch?

Wenn man nur den Text liest, mag man denken, dass ich in der Krise alles richtig gemacht habe. In der Tat ging damals jedes Investment auf. Allerdings war ich damals zu 95 % investiert. Das führte dazu, dass ich mich damals aufgrund einer sehr schlechten Nachrichtenlage nicht wirklich wohlgefühlt habe. Ich habe mir danach Regeln erarbeitet, bei wie starken Rücksetzern ich wie viel meines Vermögens kurzfristig investieren werde. Dadurch beschneide ich den Gewinn, wenn die Kursrücksetzer weniger stark sind, erhalte mir aber meine Handlungsmöglichkeiten. Mein Wohlbefinden stieg in den nächsten Krisen erheblich.

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Die Briten stimmen für den Brexit

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir früher oder später in irgendwelchen Quiz-Sendungen die Frage “Wann stimmten die Briten für den Brexit?” sehen werden. Selbst ich musste kurz googeln, in welchem Jahr diese historische Abstimmung stattfand. Auch tun mir schon die Schüler leid, welche den Brexit später im Politik- oder Geschichtsunterricht thematisieren müssen. Es war der 23. Juni 2016 und dieser Tag ist mir selbst in sehr guter Erinnerung. Ich war damals das erste Jahr im Investmentbanking tätig. Die gesamte Abteilung wurde zwei Stunden vor Börsenstart in die Bank geordert. Weltweit standen die Börsenzeichen auf Absturz, weshalb eine einheitliche Bankmeinung erarbeitet wurde. Natürlich war die Bankmeinung wenig objektiv, denn immerhin wollten wir, dass unsere Kunden weiter ihre Fonds und Zertifikate hielten.

Auch ich nutzte die Krise und kaufte Unternehmen wie Wirecard und Freenet, welche morgens deutlich zweistellig im Minus standen. Bereits am Abend hatten diese Unternehmen ein Kursplus von über 15 % erzielt und ich verkaufte. Natürlich waren diese unglaublich schnellen Gewinne reines Glück. Diese Krise erwähne ich deshalb, weil sie mein Anlageverhalten nachhaltig verändert hat. Ich handelte in dieser Krise genau wie zur Krimkrise.

Wie veränderte mich der Brexit?

Auch viele meiner Kunden saßen auf schnell erreichten Buchgewinnen. Von der Bank hatten wir nun den Auftrag, dieses “Einzelwertrisiko” in breit aufgestellte Fonds umzuschichten. Dabei wiesen mich einige meiner Kunden darauf hin, dass ihnen die Kursgewinne egal seien. Die eingekauften Dividendenrenditen waren der Grund, warum sie investiert hatten. An eine Aussage eines Kunden kann ich mich erinnern, als wäre es gestern gewesen. Er fragte mich: “Wissen Sie eigentlich, wie viele Jahre Unilever am Stück seine Dividende erhöht hat?”. Ich wusste es nicht und wurde von ihm aufgeklärt. Danach arbeitete ich mich gründlich in die Dividendenstrategie ein und veränderte meinen Anlagefokus komplett auf regelmäßige Dividenden.

Fazit zu den Krisen

Wirtschaftskrisen und Markteinbrüche gehören zum Anlegen an der Börse dazu. Jeder dieser Einbrüche ist aber eine Chance. Die Grundlagen dafür sind, dass man über ein breit aufgestelltes Depot und eine gute Cashquote verfügt. Ein großer Fehler, den ich immer wieder bei Anlegern in Börsenforen lese, ist, dass man die Schuld für schlechte Investments bei Anderen sucht. Allerdings sind niemals Leerverkäufer oder Hedgefonds an Euren Kursverlusten Schuld, sondern es wurde immer im Vorfeld zu viel Geld auf eine Karte gesetzt oder Geld angelegt, auf welches man nicht langfristig verzichten konnte. Das wichtigste aber ist, dass Ihr Euch gerade nach Krisen kritisch selbstreflektiert.

Meine langfristigen Käufe könnt Ihr in meinem letzten Depotupdate finden: Lies auch: Depotentwicklung bis zum 01.04.2020

Auch in der Coronakrise habe ich wieder einige kurzfristige Trades platziert. Diese werde ich auflösen, sobald mein Anlageziel erreicht wurde oder ein Grund aufgetreten ist, diese zu schließen. Allerdings trade ich heute nur noch sehr selten und bei extremen Marktverwerfungen. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich meine eröffneten Positionen vor dem Verkaufen veröffentlichen werde. Grund dafür ist, dass ich niemanden verführen will, meine Käufe nachzuahmen.

Wie immer handelt es sich hierbei um keine Anlageberatung oder Kaufempfehlung. Alle Inhalte des Beitrags wurden nach bestem Gewissen recherchiert. Trotzdem kann keine Gewährleistung auf Vollständigkeit gegeben werden.

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